„Kirche vor Ort – Leben und Glauben verbinden“

Rückblick auf den Runden Tisch fx zu Gast bei der Pfarrei Maria Lourdes in Zürich Seebach

 

Wir werden in der katholischen Kirchgemeine Maria Lourdes  Zürich Seebach von Regula Baumann, Martin Piller und Marianne Reiser mit Kaffee, Gipfeli und Warmherzigkeit begrüsst. Der Runde Tisch, welcher von der Spurgruppe fresh expressions Schweiz organisiert wird unternimmt erstmals einen Besuch in eine Kirchgemeinde, welche fresh expressions bzw. die katholische Variante davon (Kleine Christliche Gemeinschaften) innerhalb einer Parochie lebt.

Das Thema des Morgens lautet „Kirche vor Ort - Leben und Glauben verbinden“. Regula Baumann, Martin Piller und Marianne Reiser nehmen uns auf eine Erfahrungs-Reise der Kirchgemeinde Maria Lourdes mit. Ihre Reise ist geprägt von den Kleinen Christlichen Gemeinschaften (KCG). Von einer KCG wird dann gesprochen, wenn die Werte Verortung, Einheit, Christusmitte und Sendung vorhanden sind:

 

  • Verortung wird in den KCGs im Quartier gelebt und nicht in kirchlichen Räumlichkeiten. Es ist keine Versammlung einer Interessensgruppe, keine Bibelgruppe und kein Gesangskreis, sondern die gleiche örtliche Beheimatung schafft das Gemeinsame. Die KCG gilt als milieu- und generationenübergreifend. Durch die Verortung ist die KCG kontextuell, an die Quartiere oder Stadtteile angepasst und manifestiert sich je nach Ort unterschiedlich.
  • Einheit leben die KCGs unter anderem darin, dass sie sich als Kirche verstehen, welche mit dem weltweiten Leib Christi vernetzt ist. Sie sind zudem untereinander, mit der Pfarrei und anderen Denominationen vernetzt. Die KCG versteht sich als „katholikos“ im Sinne einer weltweiten Verbundenheit und Lerngemeinschaft. Sie stehen zudem in Kontakt mit anderen christlichen Bewegungen, welche eine ähnliche DNA aufweisen.
  • Christusmitte bezeichnet eine innere Haltung des Ausgerichtet-Seins auf Christus, die gelebt wird. Bei den gemeinsamen Treffen ist das Bibelteilen der rote Faden. Das Team diese Form der Bibelarbeit als Schule des Betens und Hörens aus welcher Kirche entsteht. Diese Orientierung führt an den Abenden immer zu Punkt 6 des Bibelteilens, zur Sendung.[1]
  • Sendung nimmt zeitlich den grössten Teil des Treffens ein. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung das Bibelwort für die Not und Freuden des Quartieres hat. Zudem wird Angst und Trauer, Freude und Hoffnung des Quartiers und des persönlichen Lebens miteinander geteilt. Zudem wird gefragt, was Gott wohl in diesem Quartier tun möchte, was die Menschen wahrnehmen und diakonische Handlungsoptionen werden ausgearbeitet. Sendung wird nun aktiv gelebt in Pfarreiwerkstätte, Love in Action in der Stadt, usw.

 

Geschichte der Pfarrei oder wie alles Begann:

Als Pfarrer Martin Piller neu in die Pfarrei Maria Lourdes kam hatte er zwei grosse Leidenschaften, eine für das Evangelium und eine für die Menschen. Vor allem die Menschen am Rande der Gesellschaft lagen Martin Piller am Herzen und in ihnen erlebte er Christus. Doch auch die Gemeinschaftstage der Erstkommunion führten zu ganz vielen Begegnungen mit Menschen, welche normalerweise nicht in die Kirche kamen. Martin Piller wurde als nahbaren Priester kennen gelernt und die Partizipation der Freiwilligen in der Pfarrei nahm zu. Zusammen gestalteten sie einen Alphalive Kurs. Die Teilnehmenden des Alpha Live Kurses wollten nach zehn Mal nicht damit aufhören und so wurden Hauskreise geschaffen. Doch ein Jahr später kam die Krise, die Hauskreise wuchsen nämlich nicht.[2] In dieser Situation stiess Martin Piller auf das Buch „Kirche, die über den Jordan geht“ von Christian Hennecke. Die Vision, welche im Buch aufgezeigt wird kommt den Suchenden entgegen und sie wird geteilt durch:

 

  • Impulsreihe bei der alle Arbeitsgruppen, Menschen aus Vereinen usw. dabei sind.
  • Zukunftswerkstatt Kirche Zürich. Ein halbes Jahr lang wurde „Kirche, die über den Jordan geht“ in Form von Zukunftswerkstätten gelesen. Dies entfachte ein Feuer in der ganzen Kirchgemeinde.
  • Man muss nicht bei den neuen Formen dabei sein, man kann auch bei den alten Sachen weiter mitmachen. Wer lieber den alten Wein trinkt, soll beim alten Wein bleiben.

 

Dies alles führte zu einem Experiment, bei dem die Hauskreise für ein halbes Jahr aufgelöst wurden und die Menschen als kleine christliche Gemeinschaften vor Ort unterwegs waren. So wurde mit den Kleinen Christlichen Gemeinschaften begonnen und nicht mehr damit aufgehört. Durch die KCG kann sowohl die Sendung als auch die Verortung gelebt werden. Nur eine Regel gilt bis heute in den KCG: keine hauptamtliche Person darf dabei sein. Denn es geht darum, dass Menschen ihre Taufwürde wiederentdecken und leben. Jeder Christ, jede Christin soll seine/ ihre Taufwürde entdecken mit Hilfe des Wortes Gottes. Zudem gibt die Pfarrperson nicht vor, was in den KCG geschehen soll.

 

Wie werden diese KCG offen und dynamisch gehalten?

Es wurde die Erfahrung gemacht, dass neue Menschen sofort da rein kommen und sich wohl fühlen. Dies liegt vor allem am Bibelteilen und an der Kontextorientierung. Vor Ort hört man die Probleme der Menschen und reagiert darauf. Beispielsweise wurde wegen der hohen Arbeitslosigkeit von Frauen eine Werkstatt geschaffen, die Dinge werden in Zusammenarbeit mit Claro Laden und auf Stadtmärkten verkauft. Es entstanden Mittagstische in den Quartieren in unterschiedlichen Familien. Beziehungsnetze vor Ort wurden gestärkt und auf individuelle Nöte wie Krankheit oder Todesfälle kann besser eingegangen werden.

 

Leitungsfrage in den KCG:

Jede KCG hat zwei Verantwortliche, welche in Verbindung zum Leitungsteam stehen. Das Leitungsteam trifft sich mit den Verantwortlichen alle 6-8 Wochen. Die Abende werden aber nicht von den Verantwortlichen geleitet, sondern diese haben beispielsweise bei Krisen Interventionsfunktion und achten darauf dass der Informationsfluss zwischen Pfarrei, Quartier, KCG und den anderen KCG funktioniert.

 

KCG als Lernort

Die Entdeckung wurde gemacht, dass die vier Werte Verortung, Christusmitte, Sendung, Einheit eigentlich die Werte sind, welche in der ganzen kirchlichen Arbeit als zentral angesehen werden müssen und welche mit den notae ecclesiae korrelieren.

 

Tools:

  • Taufvorbereitung mit der Nachbarschaft
  • Einheit wird als Wachstumsgrösser von Gemeinde und Gemeinschaft angesehen.
  • Neue Rolle der Hauptamtlichen: Raum schaffen, Inspirieren, Brücken bauen, Schulungen durchführen. Die hauptamtliche Person sollte jemand sein, welche mit den Menschen zusammen eine Vision sucht und baut. Die Rolle der Hauptamtlichen Person wird mehr und mehr zur Rolle welche Einheit gestaltet und Brücken baut.
  • Kirche geht – der Kurs ist auch für andere Kirchgemeinden und Pfarreien zugänglich. Ziel ist es eine Lerngemeinschaft zu schaffen und sich untereinander zu vernetzen. Die Teilnahme am Kurs ist nicht als Einzelperson möglich, nur als Team.
  • Reisen und neue Bilder: „Inspirieren nicht kopieren aber kapieren“. Werte, Haltungen und Erfahrungen auf den Reisen werden kontextualisiert. Metaphorisch gesprochen: Schnittblumen verwelken schnell, wenn ich aber den Samen mitbringe, dann kann etwas wachsen.

 

Schlussendlich betont das Team von Maria Lourdes, dass das Konzept des Individualismus vorbei sei, nur die Kirche spreche noch davon. Gesellschaftlich wird mehr und mehr von einer individualisierten Gemeinschaft gesprochen. 86% der Deutschen wünschen sich mehr Gemeinschaft. Die KCG schaffen diesen Gemeinschaftsraum vor Ort um Christus, das Zentrum.

 

Für weiter Informationen siehe: www.freshexpressions.ch

Text: Sabrina Müller

 

 

 

[1] "Die 7 Schritte des Bibel-Teilens"

"1.   Einladen: Wir werden uns bewusst, dass Gott in unserer Mitte ist. Wer möchte dies in einem"

"Gebet zum Ausdruck bringen? (auch: Lied, Gebet GL 19)"

"2.   Lesen: Wir lesen den Text. Evtl. reihum jede/r einen Vers oder abschnittsweise, möglichst nicht nur der/die Leiter/in!"

"3.   Verweilen: Keine „Predigt“! Keine Diskussion! Jede/r kann Worte oder einen Satz aus dem Bibeltext laut aussprechen, von dem er/sie sich betroffen fühlt. Noch nicht begründen! Dabei entstehen oft Mehrfachnennungen, und auch die Reihenfolge ist frei. Wir lesen den Text noch einmal im Zusammenhang laut."

"4.   Schweigen: Für eine fest umrissene Zeit (!) lassen wir Gott in der Stille zu uns sprechen."

"5.   Teilen: Nun kann jede/r etwas zu den Worten sagen, bei denen er/sie hängen geblieben ist"

"(Punkt 3). Gibt es etwas, was unser Herz berührt? In der Ich-Form sprechen. Kein"

"Streitgespräch."

"6.   Handeln: Was will der Gott, das wir tun sollen? Welches Wort nehmen wir mit in unseren Alltag? Was ergibt sich für mich aus dem Bibeltext? Wo möchte ich im Alltag dran bleiben, evtl. Handeln, Situation verändern......"

"7.   Beten: Wir beten miteinander. Jede/r darf etwas beitragen. In der Fürbitte denken wir auch an andere. Das Bibel-Teilen kann mit dem Vater-Unser, einem Segen und einem Lied enden"

"Die Sieben-Schritte-Methode - erstmals vom kath. Lumko-Institut in Südafrika herausgegeben,"

"erwuchs aus der intensiven Hinwendung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Afrika zur Heiligen Schrift. Diese Gemeinschaften sind als Nachbarschaftsgruppen bemüht, bewusst ein christliches Leben zu führen und untereinander gute zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Sie wenden sich der Bibel intensiv zu, um ihre Situation im Licht der Heiligen Schrift besser erkennen und bewältigen zu können."

[2] Krise wird bei der Pfarrei Maria Lourde immer als Schlüsselerlebnis definiert, welches zu Veränderungsschritten führt.

Beitragsbild stammt von: http://www.vectorstock.com/royalty-free-vector/subway-tree-vector-65581