3 Typen von kirchlichen Innovatoren – und weshalb alle notwendig sind

Innovation ist ein Zauberwort in der gegenwärtigen Welt. Gar nicht so unverständlich angesichts der Herausforderungen im Umwelt- und Sozialbereich. Wie kann die Welt nachhaltig verändert werden? Es geht nur, wenn drei verschiedene Typen von Innovatoren und Innovatorinnen – auf verschiedenen Ebenen – am Werk sind. Sie alle sind notwendig, um etwas zu bewegen.

Diese Typologie, die aus dem Buch „Impact – Six Patterns to Spread your Social Innovation“ von Al Etmanski stammt, hat mir geholfen, die verschiedenen Ebenen und Formen der Innovation – gerade auch in der Kirche – auseinanderzuhalten und zusammenzusehen.

Neue Lösungen, die eine transformierende Wirkung haben, werden meist von Amateuren gefunden. Diese „leidenschaftlichen Amateure“ sehen eine Not, eine Veränderungsnotwendigkeit und eine Lösung. Ihre Lösungen können das volle Potential ausschöpfen, wenn drei Typen von Innovator/-innen auf unterschiedlichen Ebenen zusammenarbeiten. Denn „eine neue Idee ist verletzlich. Ihr Erfolg ist abhängig von der Umwelt, in der sie entsteht“, so Al Etmanski. Alle drei Typen haben ein eigenes Set an Kompetenzen, an Grenzen und Stärken. Und alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie verstehen, dass ihre Expertise und ihre Erfahrung begrenzt ist und angewiesen ist auf Mitstreitende von Organisationen und Institutionen, die komplementäre, sie ergänzende Fähigkeiten haben.

NO. 1: DER DISRUPTIVE INNOVATOR

Leidenschaftliche Amateure gehören zu diesem Typ der Innovation. Sie fordern den Status Quo heraus. Sie stellen die bestehenden Ressourcen, bestehende Wege, die Macht und die Expertise von Professionellen (auch Pfarrern und Pfarrerinnen) in Frage. Sie rütteln auf und arbeiten mit limitierten Ressourcen solange, bis sie zeigen können, dass eine neue Lösung funktioniert. Disruptive, störende Innovatoren sind überall zu finden. Sie treffen sich an Küchentischen, in Wohnzimmern. Viele Menschen investieren ihre Zeit, um bessere Lösungen für die Welt, für die Kirchgemeinde, für das Dorf zu finden. Ich habe in Stäfa beispielsweise eine Gruppe der Lokalen Agenda21 angetroffen, die seit Jahren innovatives – manchmal irritierendes – Potential für das Dorf frei setzen. Ich sehe Junge Erwachsene in Stäfa, die das Projekt „DIE NACHT“ entwickelt hatten und vierhundert Jugendliche während eines Anlasses, der eine Nacht dauerte, in die Kirche gebracht haben. Sie haben das mit Leidenschaft gemacht und ohne professionelle Expertise in Jugendarbeit. Und es hat funktioniert – allerdings auch gestört: eine Kirchenbank ging in Brüche und der Sigrist hat noch Jahre später behauptet, die Risse in der Kirchenwand seien in jener Nacht grösser geworden.

Allerdings werden neue Modelle nicht über Nacht Standard. Sie werden – weil sie irritieren und bisherige Wege in Frage stellen – oft missverstanden oder bewusst überhört. Sie werden als Gefahr für die bestehende Kirche gebrandmarkt oder lächerlich gemacht. Ich könnte im Zusammenhang mit den fresh expressons of Church Beispiele zu beiden Reaktionen erzählen. Es ist nicht ganz einfach, neue Ideen von den Rändern in die Mitte zu bringen. Deshalb braucht es einen zweiten Typus von Innovator/-in.

NO. 2: DER BRÜCKENSCHLAGENDE INNOVATOR

Der Brücken-Innovator ist das Bindeglied zwischen den disruptiven Innovatorinnen und der formalen Organisation oder Institution. Dieser Typ ist stark im Erkennen von Ideen, die das Potential haben, gross zu werden. Er bringt dann seine Verbindungen, seine Reputation und seine Ressourcen ein, um dieses Potential wirksam werden zu lassen. Mit seiner Unterstützung erhalten die disruptiven Innovatoren mehr Glaubwürdigkeit im System. Die Brücken-Innovatoren kennen und verstehen sowohl die manchmal schwierigen Erfahrungen der disruptiven Innovatoren wie auch die Grenzen und Zwänge der Institutionen. Sie handeln als Zwischenhändler, als Coach, als Puffer, als Vorkämpfer, als Verbindungsglied und manchmal als Friedensstifter.

Diese Intermediäre können den disruptiven Innovatoren helfen, ihre Idee so zu erzählen und zu verpacken, dass sie verstanden wird. Sie coachen, um die Hindernisse und die Möglichkeiten der Institution zu erklären. Pfarrerinnen und Pfarrer können solche Brückenschlag-Funktion in Kirchgemeinden übernehmen. Sie können für engagierte Jugendliche, die einen Raum bespielen wollen, Ermöglicher sein. Sie müssen nicht selber auf die ganz innovativen, kreativen, noch nie dagewesenen Ideen kommen, sondern können innovativ sein, indem sie leidenschaftliche Amateuren helfen. Auch Mitarbeitende in Gesamtkirchlichen Funktionen haben diese intermediäre Funktion. Wenn Ideen in Gemeinden oder aus der Pfarrschaft auftauchen, die ein Potential für die Kirchenentwicklung haben, dann können sie dafür sorgen, dass diese Ideen gehört werden und als glaubwürdig erachtet werden. Sie helfen, eine Story zu erzählen, die in der Institution vestanden und gehört wird.

Auf der anderen Seite helfen die Brückenbauer den Veranwortlichen in Kirchgemeinden oder in der Kirchenleitung den Nutzen einer Innovation zu verstehen. Pfarrerinnen und Pfarrer verknüpfen die neue Idee mit Theologie und Strategie und können so Kirchenpflegen überzeugen. Mitarbeitende in den Gesamtkirchlichen Diensten stellen die Ideen in einen theologisch überzeugenden Gesamtzusammenhang und zeigen auf, dass die Kirchenentwicklung in diese Richtung gehen kann. Das ist zum Beispiel passiert bei den fresh expressions of Church. Eine erste Anfrage in der Synode wurde von den Gesamtkirchlichen Diensten im Auftrag des Kirchenrates in diesem Sinne beantwortet. Hier die Studie dazu. Ausführliche Hintergrundsarbeit hat im Folgenden dazu geführt, dass Kerngedanken dieser innovativen Bewegung aus England eingeflossen sind in das kantonalkirchliche Reformprojekt „KirchGemeindePlus“, so etwa die Idee einer „mixed economy“ von traditionellen Kirchgemeinden und beweglichen Netzwerk-Gemeinden.

3. DER INSTITUTIONELLE INNOVATOR

Die Brücken-Innovatorinnen agieren als ein Scharnier zwischen den disruptiven Innovatoren und den  institutionellen Innovator/-innen. Denn disruptive Innovatoren, die ihre Ideen weiterverbreiten wollen, müssen zwangsläufig den Marsch durch die Institution antreten. Es braucht neue Regeln, entsprechende Beschlüsse oder gar Gesetzesänderungen. Die institutionellen Innovatoren sind diejenigen, welche wissen, wie das geht. Es sind institutionelle Entrepreneure oder „Intrapreneure“. Es sind talentierte und engagierte Bürokraten. Sie müssen den komplexen Kontext so managen, dass die Innovation eine Chance hat, zu überleben und Kreise zu ziehen. Die  institutionellen Innovator/-innen haben Insider-Wissen über die Hebel der Veränderung. Sind sind Navigatoren, die eine Innovationsidee durch diese Ebene hindurchsteuern, damit sie aufblühen kann und zum neuen Standard wird. Ihre Spezialität ist, die Institution so zu re-organisieren, dass die neue Lösung umgesetzt und nicht verwässert wird.

Pfarrerinnen und Pfarrer oder auch Kirchenpflege-Präsidien, der Leitungskonvent einer Kantonalkirche oder die Kirchenräte können diese Funktion in der Kirche übernehmen. Sie nehmen auf, was sie als Potential sehen und helfen mit Engagement und Leidenschaft mit, dass Innovation umgesetzt wird. Im Zusammenhang mit dem Gotthard-Basistunnel ist für mich Adolf Ogi eine solche Figur. Er hat die bestehende Idee aufgenommen und mit Leidenschaft dafür gesorgt, dass das Volk und das Parlament zugestimmt haben. In der Kirche bleiben die institutionellen Innovatoren auch oft namenlos. Sie arbeiten hinter den Kulissen. Und weil sie manchmal teil einer bürokratischen Institution sind, sind sie nicht einfach zu bemerken. Aber sie sind da und sie sind genauso talentiert, engagiert und wichtig wie die anderen Typen. Sie sind der Beweis dafür, dass soziale und kirchliche Innovatoren keinen Dresscode kennen.

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Diese drei Innovatons-Rollen sind nicht völlig voneinander abgetrennt. Es gibt viele, die mehr als eine Rolle spielen. Die institutionellen Innovatoren sind manchmal genaus so störend wie die disruptiven. Und es gibt disruptive Innovatoren, die auch Brücken bauen können.

Al Etmanski, der eine grosse Social Innovation im Behindertenbereich Kanadas aufgebaut hat, nennt die wichtigste Eigenschaft aller Innovatoren: Liebe!

Das ist im Grunde genommen biblisch: Egal welche Rolle wir in Innovationen einnehmen, unsere Wirkung ist höher, wenn wir uns verlieben in die Idee – auch in die Geheimnisse, in die Zerbrochenheit und die Widersprüche einer neuen Lösung.

Weise Reisende respektieren die Rolle und die Funktion jedes Typen von Innovation. Sie wissen, dass alle kirchliche Innovation nicht nur von Beziehungen herstammt, sondern auch in Beziehungen zum Blühen kommt und weite Kreise zieht.

 

Autor: Thomas Schaufelberger