Kirche muss (auch) anders sein

Rückblick zum fx Impulstag fresh expressions „Eintauchen“ vom 1. April 2017 in Zürich

Rund 60 engagierte Menschen aus verschiedenen Kirchen und kirchlichen Ausbildungsinstitutionen nahmen am 1. April in Zürich teil am 5. Impulstag fresh expressions (fx) „Eintauchen – Kirche im Sozialraum entwickeln“. Sabrina Müller stellte zum Auftakt anhand konkreter Beispiele verschiedene Menschen und ihren Sozialraum vor. Die beiden ökumenischen fx-Spezialistinnen Sandra Bils und Maria Hermann teilten ihren grossen Erfahrungsschatz und brachten erfolgreiche Beispiele aus Deutschland mit. Von vier fx-Beispielen aus der Schweiz wurden die Sozialraumanalysen vorgestellt. Allen Projekten gemeinsam: Sie starteten mit Beobachten, Zuhören und Fragenstellen.

 

Kirchen sollen neue Wege gehen. Vielerorts ist die Rede von Umbruch. Pioniergeist und Aufbruch sind spürbar. Neben traditionellen Formen sollen neue Formate von Kirche entstehen, auch ausserhalb der Kirchenmauern, direkt bei jenen Menschen, welche keinen Bezug zu Kirche haben. Das Netzwerk fresh expressions Schweiz, gegründet von verschiedenen Kirchen und kirchlichen Ausbildungsinstitutionen, widmet sich genau dieser Herausforderung. Am 5. Impulstag fresh expressions „Einauchen – Kirche im Sozialraum entwickeln“ vom 1. April 2017 in Zürich gingen die Teilnehmenden Fragen nach wie: „Wie geht fresh expressions wirklich?“ oder: „Wo setzt man an und wie wird eine solche Beteiligungskirche aufgebaut?“

Pfarrerin Sabrina Müller, Habilitandin und Forscherin am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich und Urmutter von fresh expressions in der Schweiz, gab den ersten Impuls und führte ins Tagungsthema ein. Angelehnt an die Apostelgeschichte und anhand konkreter Beispiele zeigte sie auf, wie wir Menschen und ihren Sozialraum kennen lernen. Beim Umsetzen von fresh expressions geht es zuerst ums bewusste Einlassen. Wer ist da? Was beschäftigt diese Menschen? Wo leben und arbeiten sie? „Wir tauchen in neue Netzwerke ein. Erst dann“, sagt Müller, „können wir die ethnografischen und ethnologischen Untersuchungen beginnen. Wir hören hin, prüfen, reflektieren und treten schliesslich in Aktion.“

 

Best Practice Sozialraumanalysen

Wie Sozialraumanalysen in der Praxis aussehen, wurde anhand von vier ganz unterschiedlichen Beispielen aufgezeigt. In Diessenhofen ist das fx-Projekt „Venue“ entstanden. Angeboten wird ein Open Office u.a. mit Jobcoachings, einem Mittagstisch und Deutschkursen. Chris Forster und David Jäggi starteten das Projekt vor zwei Jahren – mit Zuhören. „Eineinhalb Jahre haben wir nur zugehört. Das war die grösste Herausforderung“, sind sich die beiden einig und ergänzen: „Einiges ist in der Umsetzung anders gekommen als ursprünglich geplant.“ Die Zeit des „Hinschauens“ nutzten die beiden auch, um mit Kirchenvertretern Kontakte aufzubauen. Denn nur Gemeinsames kann langfristig erfolgreich sein, ist das Duo überzeugt.

 

Eine „Quartiervision“ hatte Alan Cereghetti von ICF Luzern für das Wohnquartier Tribschen. Der Wahrnehmungs-prozess, gestaltet als Gebetslauf, zeigte bald: Wer da wohnt, will nur wohnen, ein Quartierleben findet nicht statt. Die Freizeit wird ausserhalb von Tribschen verbracht. Cereghetti kam zum Schluss, dass seine Projektidee nicht die richtige war. Der ICF hat sich nun entschieden, seine Präsenz rund um den Bahnhof Luzern und in der Altstadt zu verstärken. Eben da, wo die Tribscher arbeiten oder ihre Freizeit verbringen.

Das Freilagerquartier liegt im Westen von Zürich, zwischen Altstetten und Albisrieden. In der neuen Überbauung wohnen rund 2000 Menschen. Mittendrin hat Sonja Zryd von der Reformierten Kirche Zürich den „Freiraum“ eröffnet. Das Quartier ist sozial durchmischt, 60 Prozent der Bewohner/-innen sind 26- bis 35-Jährige. Kaum jemand hat einen Bezug zur Kirche. Die Idee des Freiraums ist es, einen Ort zur Verfügung zu stellen, den die Anwohnenden selber mit Inhalten füllen können. Der Freiraum ist in der ganzen Überbauung der einzige Gemeinschaftsraum. Das ist auch eine Chance für fresh expressions.

 

In der Zürcher Gemeinde Bubikon erleben junge KonfirmandInnen Zusammenhalt und Gemeinschaft. Nach der Konfirmation gibt es für die Jugendlichen jedoch keine Gefässe mehr. Ihnen wollte der Jugendarbeiter der Reformierten Kirche Bubikon, Michael Goldberg wieder einen Raum bieten. Seit zwei Monaten betreibt er dafür eine Jugendwohnung in Bubikon. Seine Sozialraumanalyse startete er mit einem Mapping vom Sozialraum und führte Einzelinterviews mit der Zielgruppe. Für die Jugendlichen ist die Wohnung ein niederschwelliges kirchliches Angebot, die Kirche selbst würden sie kaum besuchen. „Künftig wird es wichtig sein, die Anknüpfungspunkte zu den Jugendlichen rechtzeitig herzustellen“, erklärte Goldberg. „In Zukunft werde ich auch an den Konfirmationslagern teilnehmen.“

 

Was entsteht, wenn wir mit dem Sozialraum arbeiten?

„Wo ist Sozialraum?“ fragen Sandra Bils und Maria Hermann von Kirche². Die Orte reichen vom Kebab-Stand über Wanderwege, Einkaufszentren, Fussballplätze, den Stammtisch bis hin zum Zoo oder gar zur eigenen Terrasse. Kann da überall Kirche entstehen? Die beiden fx-Spezialistinnen gaben am Nachmittag Einblicke in ihren praktischen und theoretischen Erfahrungsschatz.

Anhand des Kölner Projekts „die Beymeister“ zeigten sie die verschiedenen Phasen von fresh expres-sions auf. Auch diese fresh expression begann mit Hinhören, Schauen, wer da ist und mit Beobachten. Dafür wählten die Initianten das Rheinufer. Sie fanden Kinder, Familien, Berufstätige, die nach Feierabend den Kopf auslüfteten, und Spaziergänger/innen. So erfuhren sie, wer diese Menschen sind und was sie bewegt. Daraus entstanden kreative, auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichtete (Guerilla-) Projekte. „Wer erfolgreiche fresh expressions auf die Beine stellen will, muss sich selber auch zur Zielgruppe zählen“, ist Sandra Bils überzeugt und ergänzt: „Für Aktionen, an welchen ich selber auch Freude habe, kann ich andere viel besser begeistern.“ Für Maria Hermann ist neben der Analyse auch die Konzentration auf das Eigene zentral und sie ruft dazu auf, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. „Teams sind erfolgreicher“, sagt sie und nicht zuletzt macht sie Mut, immer wieder hinzuhören und neu zu entdecken.

 

Die Aufbruchbewegung fresh expressions of church ist entstanden im anglikanischen Raum und fällt auch hierzulande zunehmend auf fruchtbaren Boden. Dem Netzwerk in der Schweiz haben sich seit der Gründung 2011 rund 600 engagierte Menschen angeschlossen. Sieben christliche Kirchgemeinschaften sind Träger des Netzwerks.

Tagungsunterlagen
Eintauchen Referat SM 1.4.2017
Präsentation Eintauchen
beingchurch
FX Impulstag 2017 – Teilnehmerunterlagen Version 2017-03-28
Sozialraum Analyse Tools (Kirchenkurs)